Bonuskapitel

SUDDEN DEATH

Theresa

»Und du willst wirklich nicht mit den anderen feiern?«, frage ich Cole, während ich die Schnürsenkel meiner Schlittschuhe festziehe. Cole kniet sich vor mich und nimmt mir die Enden der Bänder ab.

»Wir fahren später nach und feiern mit ihnen den Saisonabschluss. Jetzt möchte ich es endlich hinter mich bringen.« Sein Gesicht verfinstert sich zu einer Grimasse.

Ich lache leise und beobachte ihn dabei, wie er sorgfältig eine Schleife bindet und die Enden dann in meinem Schuh versteckt.

»Wann haben wir schon eine ganze Halle für uns?« Er hält mir die Hand hin, die ich dankbar ergreife, und hilft mir auf. Es ist ewig her, dass ich zuletzt gefahren bin, und ich bin wirklich schlecht. Daher stehe ich etwas wackelig auf den Beinen.

»Du willst dich nur nicht vor den anderen blamieren, wenn du das erste Mal wieder auf dem Eis bist.«

Cole zieht mich näher zu sich heran und sieht mir tief in die Augen. Sein Grinsen ist teuflisch. »Du bist zu schlau für mich, mein Schatz«, raunt er an meinen Lippen, dann beißt er mir spielerisch in die Unterlippe.

Ich seufze leise und lege meine Arme um seinen Hals. Er leckt über die Bissstelle und ich komme seiner Zunge entgegen. Wir treffen uns, necken, erobern und vergehen in einem stürmischen Kuss. Ich kann nicht genug von ihm bekommen. Als er sich schließlich von mir löst, muss ich ein paarmal blinzeln, um wieder in der Realität anzukommen. Mein Atem geht hektisch und ich sehe, dass auch ihn das nicht kaltgelassen hat. Ich kann es vor allem spüren.

»Wollen wir nicht woanders feiern? Vielleicht in unserer Wohnung?«, frage ich eindeutig zweideutig.

Jetzt ist er es, der dunkel lacht.

»Wir kneifen heute beide nicht. Komm!« Er greift nach meiner Hand und zieht mich die paar Schritte, die es von der Bank zur Bande sind, langsam hinter sich her. »Ich habe den Jungs, die das Eis dann noch mal aufbereiten müssen, eine Aufmerksamkeit zukommen lassen. Daher haben wir eine Stunde für uns. Aber irgendwann wollen auch die Feierabend machen.« Cole öffnet das Tor und vor uns erstreckt sich die glatte Eisfläche. Es ist so still, wie ich es noch nie erlebt habe. Die einzigen Geräusche werden von uns selbst verursacht.

Wir stehen Hand in Hand nebeneinander und ich fühle mich fast wie ein Teil eines Eiskunstlaufpaares, das vor seiner Kür steht. Nur dass ich kaum Schlittschuh laufen kann.

»Du oder ich zuerst?«, fragt Cole und ich höre, wie er tief einatmet. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es für ihn ist, nach so langer Zeit wieder auf Kufen zu stehen. Ich drücke seine Hand kurz, dann lasse ich ihn los.

»Du zuerst. Dann kannst du mir aufs Eis helfen und mich auffangen.«

»So schlimm wird es schon nicht«, sagt er aufmunternd und ich bin mir sicher, dass er sich damit auch selbst gut zuredet. Er macht einen entschlossenen Schritt aufs Eis und läuft dann los. Langsam, testend, aber so sicher, als wäre er nie weggewesen. Es sieht eher so aus, als traue er seinem Körper noch nicht. Er vollführt einen Kreis, wird schneller und dann ist er plötzlich auf der anderen Seite der Eisfläche. Während er wieder näher kommt, kann ich sehen, wie sein Grinsen immer breiter wird und das Vertrauen in sein Bein wächst. Er bremst vor mir. Die Kufen stellen sich quer und die weggeschabten Eispartikel spritzen mir wie eine kleine Schneewolke entgegen. Fast mache ich einen Satz rückwärts, aber eben nur fast. Als ich in seine vor Freude blitzenden Augen sehe, muss ich lächeln, obwohl ich nass geworden bin.

Ich ziehe ihn an dem Saisonabschluss-Trikot zu mir und küsse ihn. Einfach, weil ich nicht anders kann. Er kommt dabei ein wenig ins Straucheln, kann sich aber noch an der Bande abfangen.

»Ich liebe es, wenn du so stürmisch bist«, sagt Cole, als er sich wieder von mir löst. Er ist ein wenig außer Atem, genau wie ich. »Aber jetzt wird hier nicht mehr abgelenkt.« Er gibt mir einen Klaps auf den Po und hält mir grinsend seine Hände hin. Ich ergreife sie, fasse mir ein Herz und wage den Schritt aufs Eis. Mein Fuß rutscht nach vorn, ich verliere das Gleichgewicht, doch Coles Arme halten mich sicher auf den Beinen.

»Ich habe dich vorgewarnt«, sage ich und lache in seine Schulter.

»Du hast gesagt, du könntest nicht gut laufen. Diesmal hast du untertrieben«, erwidert er und ich kann die Belustigung in seiner Stimme hören. »Ich stelle dich gleich vorsichtig hin und ziehe dich erst einmal ein Stück, damit du ein Gefühl für das Eis bekommst.« Er befreit sich vorsichtig aus meinem Griff, legt meine Hände auf seine Schultern und umfasst fest meine Hüfte. Dann schiebt er mich ein Stück von sich weg, lässt mich aber nicht los. Wir sehen uns in die Augen. Seine sind mir mittlerweile so vertraut und doch entdecke ich jedes Mal einen neuen Sprenkel. Ich würde am liebsten mit meinem Zeigefinger über seine kleinen Lachfältchen streichen, die seine Augen einrahmen, und ihn dabei beobachten, was meine Berührung bewirkt.

»Wenn du mich weiter so ansiehst, dann muss ich dich leider über meine Schulter legen und wir feiern doch woanders.« Cole wackelt mit seinen Augenbrauen und gibt mir einen schnellen Kuss. Bevor ich antworten kann, löst er den Griff seiner rechten Hand um meine Hüfte und greift nach meiner Hand. Er wiederholt es auf der anderen Seite, sodass ich ihm jetzt mit ausgestreckten Armen gegenüberstehe.

Meine Beine wackeln und ich versuche, nicht nach unten zu sehen. Cole beginnt, rückwärts zu laufen, und zieht mich sanft hinter sich her. »Versuch, dich leicht nach vorne

zu lehnen. Füße nicht so dicht zusammen, sonst stellst du dir selbst ein Bein.« Wir ziehen langsam unsere Runden. Zwischendurch gibt er mir immer wieder kleine Tipps.

»Ich glaube, jetzt möchte ich es einmal allein probieren«, sage ich nach der gefühlt hundertsten Runde.

»Dem Himmel sei Dank! Ich bekomme schon einen Drehwurm.«

Cole grinst schief und holt mich näher zu sich heran. Er erobert meine Lippen. Überrascht quieke ich auf, aber dann kann ich nicht anders, als mich seufzend gegen ihn zu lehnen und den Kuss zu erwidern. So schnell, wie er ihn begonnen hat, beendet Cole ihn wieder.

»Das war dafür, dass du dich so angestrengt hast. Und wenn das gleich auch so gut klappt, werde ich dich als Belohnung zu Hause überall so küssen.« Als Vorgeschmack lässt er seine Lippen über mein Kinn gleiten, neckt mein Ohrläppchen und fährt dann meinen Hals weiter nach unten. Er wird erst vom Stoff gestoppt, der mein Schlüsselbein bedeckt. Ich stöhne leise auf. Mein Körper prickelt und sehnt sich nach mehr. »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Sagt man das in Deutschland nicht so?« Er zwinkert mir zu und nimmt meine Hand, die er jetzt seitlich von sich weghält.

Ich brumme unwillig, dann wage ich die ersten eigenen Schritte. Sie sind wackelig und ich stakse eher, als dass ich mich gleiten lasse. Aber ich fahre allein. Na gut, an Coles ausgestreckte Hand gekrallt, aber immerhin. Mit jeder Runde werde ich mutiger und schneller. Mir wird warm und ich vermute, dass meine Wangen wieder glühen. Selbst Coles Gesicht ist zartrosa.

»Bist du ein wenig aus dem Training?«, frage ich ihn neckend, woraufhin er nur schnaubt.

»Das liegt nur daran, dass ich dich schon gefühlte zweihundert Runden gezogen habe. Und du bist ganz schön mutig. Als Strafe lasse ich dich jetzt los.« Ich möchte seine Hand festhalten, aber er entwindet sie mir. Dann fährt er vor mich. Sein Blick ist liebevoll. »Du schaffst das. Denk an deine Belohnung.« Er zwinkert mir zu.

Ich schaffe stolpernd und wackelnd eine halbe Runde. Dann hat Cole ein Erbarmen mit mir. Er bremst und fängt mich in seinen starken Armen auf.

»Das hast du gut gemacht«, sagt er und gibt mir einen zärtlichen Kuss. Er schmeckt salzig. Anscheinend hat er doch ein wenig geschwitzt.

»Ich war immer schon eine gute Schülerin«, antworte ich atemlos und stöhne in seinen Mund, als sich seine Lippen erneut auf meine senken. Dieser Kuss ist fordernd. Drängend. Ich erwidere ihn mit derselben Leidenschaft.

Cole umfasst meinen Po und drückt mich fest gegen seine Erregung. Dann hebt er mich ein Stück hoch. Sein Griff wird stärker. Ich überlege noch, ob ich meine Beine trotz Schlittschuhen um ihn schlingen soll, als er eine Pirouette dreht. Ich kreische vor Schreck und lasse los. Das Letzte, was ich sehe, bevor ich nach hinten falle, sind Coles weit aufgerissene Augen.

Er lässt mich los, aber als ich mit den Schlittschuhen aufkomme, rutschen sie weg und ich verliere erneut den Halt. Ich klammere mich an dem fest, was ich zu greifen bekomme. Cole. Trotzdem rutsche ich gegen ihn und ziehe ihm förmlich das Eis unter den Füßen weg. Er gibt einen undefinierten Laut von sich und stürzt. Im Fallen dreht er sich, greift nach mir und versucht, sich unter mich zu schieben. Wir landen in einem Knäuel aus Schlittschuhen, Beinen und Armen zusammen auf dem Eis. Wir liegen nebeneinander auf dem Rücken, über uns der Videowürfel, und nur unser hektischer Atem ist zu hören. Dann prusten wir beide gemeinsam los. Es ist bereits jetzt wieder einer dieser Sternschnuppen-Momente.

Als wir uns beruhigt haben, fragt er: »Hast du dich verletzt?«

»Mir geht es gut. Was ist mit dir? Habe ich dein Bein getroffen?«

»Mach dir keine Sorgen. Mir ging es nie besser.« Er lächelt mich liebevoll an, beugt sich zu mir herüber und gibt mir einen Kuss, der mich vergessen lässt, wo ich bin. Als er sich von mir löst, glitzert es in seinen Augen. Mein Herz flattert aufgeregt bei seinem Anblick.

»Ich knie mich hin und du kannst dich an mir hochziehen. Dann kann ich deine Schlittschuhe

festhalten, damit du nicht wegrutschst, okay?«

Ich nicke und seufze ergeben. Mich an ihm festhaltend, rappele ich mich mühsam auf.

»Gibt es eigentlich dafür auch eine Belohnung, dass ich es geschafft habe, dich zu Fall zu bringen?« Ich grinse stolz, als ich aufrecht vor Cole stehe und zu ihm hinabsehe. Warum kniet er immer noch? Hat er sich doch verletzt? Sein Gesicht ist ernst, als er nach meiner Hand greift und sie sanft umfasst. Mit dem Daumen streichelt er über meinen Handrücken.

Cole räuspert sich. »Ja, die gibt es.« Er holt ein kleines Kästchen mit seiner freien Hand aus seiner Hosentasche.

Ich starre darauf und begreife erst in dem Moment, als er es öffnet, was es ist. In der Mitte des schwarzen Samts steckt ein schmaler roségoldener Ring, schlicht und ohne Schnörkel, in den ein ovaler dunkler Saphir eingefasst ist. Es sind die Farben des Blizzards-Trikots. Dieser Ring ist so sehr wir, dass ich lächeln muss, obwohl mein Innerstes in Aufruhr ist. Tränen sammeln sich in meinen Augen. Ich halte die Luft an, als Cole sich abermals räuspert. Mein Herz klopft wild in meiner Brust.

»Theresa Maria Huber, wie konnte ich jemals glauben, dass eine zweite Nacht mit dir reichen würde. Eine Ewigkeit ist nicht genug. Denn du bist mein Schicksal. So würde es Hope jedenfalls formulieren.«

Ich schluchze auf und lache gleichzeitig, was ein merkwürdiges Geräusch erzeugt.

Cole steht auf. Er sieht mich zärtlich an, als er mein Gesicht in seine Hände nimmt. »Du bist die Liebe meines Lebens. Willst du zusammen mit mir alt, grau und runzelig werden?«

Ich lächele ihn unter Tränen an. »Ja«, hauche ich und dann küsse ich ihn.

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